Tipp #3: Sichtbar werden und netzwerken

Die ersten 100 Tage als Professor:in

Was Sie in diesem Artikel erfahren werden

Nicht nur innerhalb Ihres eigenen Teams ist der Aufbau guter Arbeitsbeziehungen wichtig.

Auch im Kreise Ihrer Kolleginnen und Kollegen ist es ratsam, positive Kontakte zu knüpfen.

Warum das so ist und welche Vorteile Sie davon haben, erfahren Sie in diesem Artikel.

Es geht in diesem Artikel um diese Themen:

  • warum es wichtig für Sie ist, ein berufliches Netzwerk aufzubauen und in welchen Bereichen Ihres Arbeitsalltags sich dieses vorteilhaft auswirkt
  • worauf Sie in Ihrer Kommunikation achten sollten, um von Anfang an möglichst positiv wahrgenommen zu werden
  • was das Netzwerken im Wissenschaftsbetrieb besonders macht
  • wie Sie auch als zurückhaltender Mensch wichtige berufliche Kontakte aufbauen können

Netzwerken in den ersten 100 Tagen als Führungskraft in der Wissenschaft

Ist es für Sie ganz natürlich, auf Menschen zuzugehen und Kontakte herzustellen?

Oder sind Sie eher zurückhaltend und lassen andere bei einer Kontaktaufnahme den ersten Schritt machen?

Wenn Ihnen das Netzwerken leichtfällt, dann haben Sie einen kleinen Vorteil in Ihren ersten 100 Tagen als Professor:in.

Doch sollten Sie sich mit dem schnellen Aufbau von Beziehungen eher schwertun, dann sind Ihre ersten 100 Tage als Professor:in eine gute Gelegenheit, Ihre Komfortzone zu erweitern.

Es lohnt sich für Sie, so bald wie möglich mit Ihren Kolleginnen und Kollegen ins Gespräch zu kommen.

Denn:

Ihr beruflicher Erfolg hängt nicht unwesentlich von dem Wohlwollen Ihres Kollegiums ab.

Auf ganz verschiedene Arten profitieren Sie davon, auf ein unterstützendes Netzwerk innerhalb Ihres Instituts bauen zu können:

1. Kooperationen in Forschung und Lehre

Viele Ihrer beruflichen Pläne beinhalten vermutlich die Zusammenarbeit mit anderen Professorinnen oder Professoren.

Ob es dabei um gemeinschaftliche Veröffentlichungen oder interdisziplinäre Vorlesungen und Seminare geht – auch Ihre beste Idee wird nicht funktionieren, wenn Ihre Kollegin oder Ihr Kollege kein Interesse daran hat, mit Ihnen zusammenzuarbeiten.

Und auch während einer solchen Kollaboration: Jeder Aushandlungsprozess, jedes Meeting und jegliche Kommunikation sind davon geprägt, wie Ihr Gegenüber und Sie menschlich und in der jeweiligen Expertise zueinander stehen.

Wie viel entspannter wird jeder notwendige Schritt des Projekts ablaufen, wenn Sie das Beste füreinander wollen?

2. Entscheidungsprozesse und Zusammenarbeit in Gremien

Ist es Ihnen wichtig, mitzubestimmen, wenn institutionelle Entscheidungen getroffen werden, die sich auf Ihre Arbeit auswirken?

Dann sollten Sie in der akademischen Selbstverwaltung eingebunden sein und dort auf ein Unterstützernetzwerk zählen können.

Denn ob Sie in diesen Gremien Gehör finden, hängt auch davon ab, wie gut Ihr Verhältnis zu den Kolleg:innen ist, mit denen Sie dort sitzen.

Zwar könnte man den Anspruch formulieren, dass solche Entscheidungsprozesse rein sachlicher Natur sein sollten.

Doch wir sind alle nur Menschen und lassen uns schneller von Personen überzeugen, für die wir Sympathie empfinden und die wir als glaubwürdig einschätzen.

Ein gutes Verhältnis zu Ihren Kolleginnen und Kollegen hilft Ihnen daher, für Ihre Anliegen in Gremien Unterstützung zu finden.

3. Von der Erfahrung Ihrer Kolleg:innen bei neuen Aufgaben profitieren

Wenn Sie noch nie eine Lehrveranstaltung konzipiert oder Fördergelder beantragt haben, kennen Ihre Kolleg:innen ganz sicher wertvolle Tipps.

Wenn Sie Personen finden, die dazu bereit sind, dies mit Ihnen zu teilen.

Doch natürlich ist niemand dazu verpflichtet.

So sind Sie ganz auf das Wohlwollen Ihrer erfahrenen Kollegin oder Ihres erfahrenen Kollegen angewiesen.

Warum sollte diese Person Ihr Konzept oder Ihren Antrag gegenlesen?

Auch hier sind Sie im Vorteil, wenn Sie durch ein starkes Netzwerk Zugang zu wichtigem Wissen, hilfreichem Erfahrungsaustausch und Unterstützung haben.

Worauf Sie beim Aufbau eines beruflichen Netzwerks achten sollten

Auch im Wissenschaftsumfeld gelten die ganz normalen Grundregeln guter Kommunikation.

Darüber hinaus kann es aber hilfreich für Sie sein, die folgenden Hinweise stets präsent zu haben:

⛔Vorsichtig mit Kritik sein (auch wenn sie berechtigt ist)

Es ist wunderbar, wenn Sie voller Energie und neuer Ideen an Ihrem Institut ankommen.

Widerstehen Sie aber dem Drang, Kritik zu üben an Prozessen, die Sie noch nicht ganz verstanden haben. Die Chance besteht immer, dass Ihnen schlichtweg Hintergrundinformationen fehlen.

Und selbst, wenn Sie mit Ihrer Beobachtung recht haben sollten: Sie machen sich nicht sympathisch, wenn Sie anderen das Gefühl vermitteln, die Weisheit wie im Sprichwort „mit Löffeln” gegessen zu haben.

Beginnen Sie Ihre Überlegungen oder Vorschläge immer mit Anerkennung für den Status Quo.

Und formulieren Sie Ihre Gedanken und Hinweise als Ergänzung dazu.

⛔Nicht jedem das Du anbieten

Es kann verlockend sein, sich als modern und entspannt präsentieren zu wollen. Vielleicht empfinden Sie das „Sie“ auch als aus der Zeit gefallen.

Doch unterschätzen Sie nicht, wie hilfreich die Distanz eines geschäftlichen „Sie“ sein kann.

Wenn Sie möglicherweise nach einiger Zeit mit einem Kollegen in einem Konflikt stehen, wünschen Sie sich plötzlich die professionelle Distanz zurück.

Außerdem verschenken Sie eine Chance: Ausgewählten Personen können Sie mit dem Angebot des „Du“ signalisieren, dass diese sich nun in Ihrem nahen Vertrauenskreis befinden.

⛔ Sich nicht zu schnell auf Kooperationen einlassen

Auch wenn Sie sich geschmeichelt fühlen, wenn Kolleg:innen Ihnen Kooperationen anbieten – geben Sie möglichst keine verbindlichen Zusagen in Ihren ersten 100 Tagen.

Tatsache ist: Auch Ihr Umfeld möchte sich gut bei Ihnen präsentieren. Jeder wird sich selbst und die eigenen Projekte im besten Licht darstellen.

Geben Sie sich Zeit, kühl zu analysieren und zu prüfen, was wirklich sinnvoll für Sie ist.

Hören Sie mehr als eine Meinung zu Projekten an und bilden Sie mit ausreichend Zeit Ihr eigenes Urteil.

Es gilt Ähnliches wie beim Aufbau Ihres Teams: Legen Sie in den ersten 100 Tagen den Fokus auf den Aufbau guter und nachhaltiger Beziehungen.

Inhaltliche oder strukturelle Entscheidungen können Sie später immer noch treffen.

Seien Sie nicht voreilig damit.

Übrigens erwartet Sie als Professor:in eine Besonderheit im Wissenschaftsbetrieb, die sich auch auf den Aufbau beruflicher Kontakte mit großer Wahrscheinlichkeit auswirken wird.

Ungeschriebene und inoffizielle Prozesse an Hochschulen

Hochschulen (und andere Forschungsinstitute) funktionieren oft nach zwei Arten von Regelwerken:

  1. den offiziellen und niedergeschriebenen Regelungen und
  2. den unsichtbaren „Insiderregeln”

Oft sind letztere sogar die wichtigeren – und werden zuverlässiger befolgt als die offiziellen:

  • viele Entscheidungen werden in spontanen Absprachen getroffen und niemals dokumentiert
  • der Flurfunk ist nicht nur schneller, sondern oft auch zuverlässiger als offizielle Ankündigungen
  • Geräte, Räumlichkeiten oder andere Ressourcen, die nie offiziell zugeteilt wurden, sind nach einer Art Gewohnheitsrecht in den Bestand eines Fachbereichs übergegangen

Es gibt gute Gründe für Sie, diese Regeln und Prozesse so bald wie möglich zu identifizieren.

Zum einen bewahren Sie sich selbst vor dem ein oder anderen Fauxpas. Zum anderen wollen Sie sicherlich über kurz oder lang selbst von diesen Dynamiken profitieren.

Zu den ungeschriebenen Regeln an Hochschulen und Forschungsinstituten gehören diese Informationen:

  • welche Person(en) den höchsten Einfluss am Institut haben
  • welche unsichtbaren Hierarchien beeinflussen die Entscheidungswege
  • welche Ressourcen werden eher auf Basis informeller Absprachen verteilt
  • welche Details gibt es bei Verwaltungsakten zu beachten (auch wenn diese so nirgendwo dokumentiert sind)

Nutzen Sie unsichtbare Dynamiken zu Ihrem Vorteil

Man sagt, es dauert 1–2 Jahre, bis man alle diese unsichtbaren Logiken an einer Hochschule wirklich verstanden hat.

Doch je mehr Sie erfahren, desto eher werden Sie die ein oder andere rätselhafte Aussage von Kolleg:innen besser verstehen, schneller an wichtige Informationen kommen und mehr Einfluss zu Ihren Gunsten ausüben können.

Sie sehen also: Es lohnt sich für Sie, damit bald zu beginnen. Jede neue Information, an die Sie kommen, wird Ihnen das berufliche Leben leichter machen.

Auch das ist ein guter Grund für Sie, wohlwollende Kontakte an Ihrem Institut zu knüpfen, durch die Sie solche Informationen erfahren werden.

Haben Sie Sorge, sich auf diesem „Spielfeld“ noch nicht sicher zurechtzufinden?

Das ist nachvollziehbar, doch wie für alles, was wir neu beginnen, gilt: Es ist in Ordnung und natürlich, Fehler zu machen.

Sie werden schrittweise sicherer darin werden.

Der einzige Fehler, den Sie machen könnten: sich aus falscher Bescheidenheit zurückzuhalten.

Sie haben es mit Ihrem Fachwissen auf diese Position geschafft.

Seien Sie gerne stolz darauf, in einem Kreis von kompetenten Expert:innen Ihren Platz einnehmen zu dürfen.

Bringen Sie sich unbedingt mit Ihrer Persönlichkeit ein und bereichern Sie Ihr Forschungsinstitut.

Hilfreiche Übung: Stärken und Wachstumspotentiale identifizieren

Eine produktive Strategie, mit Unsicherheiten oder Gedanken über Unzulänglichkeiten umzugehen, funktioniert folgendermaßen:

Erstellen Sie zwei Listen.

In Liste 1 tragen Sie Ihre Stärken und bisherigen Erfolge ein, die Ihnen ermöglicht haben, die Berufung als Professor:in zu erhalten.

Auf diese dürfen Sie zu Recht stolz sein.
Und mit diesen bieten Sie Ihrer Hochschule oder Ihrem Institut möglicherweise sogar bereichernde neue Impulse.

In der zweiten Liste tragen Sie ein, welche kommenden Aufgaben und Themen Ihnen noch neu sind.

Diese fehlende Erfahrung mag zurzeit noch einschüchternd sein.

Doch könnten Sie auch in jedem dieser Themen eine Chance sehen, dazuzulernen.
Und Ihre zukünftigen Kolleginnen und Kollegen, die darin mehr Erfahrung als Sie haben, sind eine reichhaltige Quelle für hilfreiches Wissen und wertvollen Austausch.

Wenn Sie sich auf diese Weise sowohl Ihrer Kompetenzen als auch Ihrer ausbaubaren Erfahrungen klar werden, kann Ihnen das helfen:

Sie tanken einerseits Selbstvertrauen und können gleichzeitig den angemessenen Respekt vor der Erfahrung Ihrer zukünftigen Kolleg:innen produktiv in neue Chancen umdeuten.

Übrigens könnte Ihnen beim Aufbau Ihres beruflichen Netzwerks ein Tipp helfen, den ich Ihnen bereits bezüglich Ihres eigenen Teams gegeben habe:

Wertschätzung hilft Ihnen beim Aufbau eines Unterstützernetzwerks

Ihnen steht ein wichtiges Kommunikationswerkzeug immer zur Verfügung und öffnet Ihnen viele Türen:

Authentische Wertschätzung

Ihrem Gegenüber authentische Wertschätzung entgegenzubringen, ist ein Universalwerkzeug in der Kommunikation, gerade als Führungskraft.

Sie können es in fast allen Situationen anwenden, denn:

  • es schafft eine wohlwollende Atmosphäre beim erstmaligen Kennenlernen
  • es entschärft Spannungen und wirkt deeskalierend, sollten Sie sich in einer Konfliktsituation befinden
  • es erleichtert es Ihnen, die Bitte von jemandem abzulehnen, ohne dabei einen schlechten Eindruck zu machen.

Sie werden überrascht sein, wie offen Menschen sein können, wenn sie sich gesehen und wertgeschätzt fühlen.

Probieren Sie es aus und Sie werden merken: nach einer Weile wird es Ihnen ganz natürlich vorkommen.

Coaching: Mit einem erfahrenen Coach lernen, zu netzwerken

Nicht nur wenn es Ihnen nicht leichtfällt, auf andere Menschen zuzugehen, kann der Aufbau guter Beziehungen eine echte Herausforderung darstellen.

Doch was, wenn Sie von Tag 1 den offenen und ehrlichen Austausch mit einem erfahrenen Sparringspartner nutzen könnten?

Wenn Sie wissen würden, dass Sie auf mindestens eine gute und wohlwollende Beziehung zurückgreifen können?

Als Coach habe ich viele Führungskräfte in der Wissenschaft dabei begleitet, systematisch ihre alltäglichen Herausforderungen zu bewältigen.

Nutzen Sie diesen Vorteil für sich selbst als Unterstützung, gerade in der kritischen Phase Ihrer ersten 100 Tage als Professor:in, aber auch danach.

Lernen Sie mich als Coach in einem kostenlosen Erstgespräch kennen.

Im letzten Artikel dieser Reihe wird es schließlich darum gehen, produktiv mit den Uneindeutigkeiten umzugehen, auf die Sie als Professor:in stoßen werden.